Im Beet
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Der wütende Gärtner und der Tigerschnegel

Schneckenfühler

Foto: MCNo28/photocase

Bei diesem feucht-warmen Wetter wird gerade viel über Schnecken geredet. Da macht sich bei manchem Gärtner eine enorme Wut bemerkbar. Schnecken werden abgesammelt und mit Schaschlikspießen ins Jenseits befördert, mit der Gartenschere entzwei geteilt oder mit kochend heißem Wasser abgebrüht. Die Folterkammer lässt grüßen. Ich habe mir im vergangenen Jahr den kompletten Salat aus dem Hochbeet wegfressen lassen. Ich vermute, dass Schneckeneier in der Gartenerde waren, mit der ich im Jahr davor aufgefüllt habe. Oder die kleinen Bauchfüßler haben sich ein Jahr lang beraten (in dem der Salat unbehelligt blieb) und schließlich einen Weg ins Schneckenschlemmerparadies ausbaldowert. Die Intelligenz der Mollusca oder so ähnlich.

Ich habe dem Kahlfraß natürlich nicht emotionslos zugeschaut. Ich kenne das Gefühl, das andere zur Rosenschere oder zum Schaschlikspieß greifen lässt, aber ich kann’s nicht. Absammeln wäre meine Methode, aber da mir immer andere Sachen wichtiger waren, als nächtens Schnecken aus dem Hochbeet zu klauben (beispielsweise Schlafen), standen nur noch traurige grüne Stummel im Beet. Haben die Schnecken halt gewonnen, sagte der Teil in mir, der Freund aller Lebewesen ist. ABER NUR IN DIESEM JAHR, fauchte ein anderer Teil – mein innerer Gärtner, der zusätzlich drohend die Rosenschere schwang.

Eines Morgens dann folgendes Bild im Beet: Eine Schnecke treibt sich träge noch immer zwischen den Salatresten umher. Wohl zu viel gefressen, vermute ich. Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, dass die Schnecke getigert ist. So ein Exemplar ist mir noch nie untergekommen. Sehr ausgefallen und fast – ja, schön. Mein innerer Gärtner droht ob dieses Gedankens mit einem Schaschlickspieß und krakelt: Das ist der Angriff einer neuen Superrasse! Es reicht! Ab mit dem Tier über dem Hecke!

Das kann ich ihm nicht abschlagen und befördere die Schnecke über die Eiben. Sie landet in praktischen Bodendeckern, die auf der anderen Seite einen Parkplatz einfassen.

Dann der Höhepunkt dieses ereignisreichen Schneckentages: Beim Einkauf liegt ein kostenloses Regional-Magazin auf dem Tresen. Ich stecke es ein, schlage es zu Hause auf und mich blickt, nun, mich blickt in sattem Vierfarbdruck eine getigerte Schnecke an. Ich lese die Stichworte „nackte Schönheit“, „seltener Gast“ und „Appetit auf Artgenossen“. Meinem inneren Gärtner fallen alle Werkzeuge aus der Hand, und der Freund aller Lebewesen zieht die Augenbrauen hoch. Wusst‘ ich’s doch, dass du Mist machst!

Ich lerne, dass die getigerte Schnecke ein Tigerschnegel ist, auch Großer Schnegel genannt (Limax maximus), der sich in der Hauptsache von Pilzen und Algenbelägen ernährt – und gern über Nacktschnecken herfällt. Dabei soll er sogar Exemplare überwältigen können, die größer sind als er. 2005 wurde er zum Weichtier des Jahres gewählt.

Und dieser Promi sitzt bei mir im Beet. Er würde mir sogar die Folterknechtsarbeit abnehmen – und ich wuppe ihn über die Eiben. Mit diesem Beitrag leiste ich Abbitte und lade ihn freundlich wieder in meinen Garten ein.

8 Kommentare

  1. Oh, die Tigerschnecken! Leider hat ihre Lust auf Artgenossen zwei Seiten: Sie fressen zwar andere Nacktschnecken, aber sie pflegen auch ein ausgiebiges Liebesleben mit sichtbaren und bleibenden Spuren an weißen Hauswänden, Mauern und Terrassentüren. Die paarenden Tiger schleimen sich die Wand hoch, wo sie nach vielen Windungen zum Höhepunkt kommen. Die Hinterlassenschaft ihres Liebesakts: bis zu einem Meter lange gräulichklebrige Spuren, die nur mit viel Aufwand wieder zu entfernen sind. Meine Sympathie für diese riesigen Schnecken hält sich deshalb sehr in Grenzen. ug

  2. Andrea sagt

    Oh je, mir ist gerade etwas ganz Ähnliches passiert. Ich habe Salat aus dem Hochbeet geholt und darunter saßen tatsächlich zwei dieser gefleckten Nacktschnecken. In meiner ersten Wut habe ich beide auch in hohem Bogen über den Zaun befördert.
    Nachdem ich das hier gelesen habe, habe ich ein ganz schlechtes Gewissen und möchte auch Abbitte leisten.

    • Sabine sagt

      Liebe Andrea,

      ich habe, seitdem ich den Beitrag geschrieben habe, tatsächlich keinen Tigerschnegel mehr gesichtet. Und wenn noch mal einer auftaucht, dann zück ich die Kamera 🙂
      Liebe Grüße Sabine

  3. Hallo Sabine,

    habe deinen Artikel über den Schnegel gelesen, da ich nach Tigerschnegel googelte. Sehr gut geschrieben, unterhaltsam, finde ich. Diese Tiere sind nachtaktiv. Habe gerade in meinem Garten, gegen 22.00 Uhr, ein Schauspiel verfolgt: Tigerschnegel und Nacktschnecke treffen sich…leider hat der Tiger die Nackte nur betäubt, danach schlich der Tiger um sie herum ohne Ende? Mir wurde dann kalt und ich habe den Film verlassen :-)….am Ende hat er sie vielleicht gegen Mitternacht verspeist?
    Man muss den Schnegeln einen optimalen Lebensraum schaffen, dann hat man sie dauerhaft im Garten. Bei mir haben sich die Nacktschnecken sehr reduziert.
    Viele Grüsse aus einem Naturgarten bei Berlin. Tip: lass dir doch 2 Tigerschnegel schenken für deinen Garten. Vielleicht mögen sie sich 🙂 Conni

    • Sabine sagt

      Liebe Conni,
      was für ein spannendes Schauspiel! 🙂 Bei mir sind auch kaum Nacktschnecken im Garten. Vielleicht muss ich im Dunkeln einfach einfach genauer hinschauen und werde den Grund entdecken 😊
      Herzliche Grüße
      Sabine

  4. Stefan sagt

    Hi Sabine.
    Netter Beitrag. Leider zuerst reagiert wie Du und weg damit. Ein wenig weiter im WWW gesucht und auf Deinen Beitrag sowie viele weitere Infos gestoßen.
    Hoffentlich bekommt er mehr Aufmerksamkeit. Aber man wills halt bequem haben und da passen „ekelige Nacktschnecken“ und Eigenrecherche im WWW leider nicht dazu.
    Gib doch in Deinem Beitrag noch nen Tipp zur Unterscheidung:
    Ein Kiel auf der Oberseite am Hintern und das Atemloch rechts in der hinteren Hälfte des Rückenschildes (bei nahezu allen Schnegelarten)
    Echt super einfach zu erkennen (selbst für mich als Amateur) und wichtig wenn die Musterung noch nicht ausgeprägt ist (Babies).
    Melde Dich wenn Du ein Babyfoto zur Veröffentlichung brauchen kannst.
    Übrigens habe ich, Gott sei Dank, rechtzeitig mit der Entsorgung auf dem Feld aufgehört und aktuell noch drei Tiger im Hochbeet. Habe abends gesammelt und am nächsten Tag bei Helligkeit aussortiert. Ob’s mehr werden werde ich in 1 – 2 Jahren sehen. Solange brauchen sie nämlich bis sie „Poppen“ können 😉

    • Sabine sagt

      Lieber Stefan, super, vielen Dank für deine Unterscheidungstipps!!
      Liebe Grüße Sabine

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